Im Jahre 1979 hörte ich oft den Satz „Warum zeichnest Du? Wo ist Dein Talent?“ und mein erster Zeichenblock füllte sich langsam. Ich betrat ein für mich unbekanntes Terrain, neugierig wie ein Kind, ohne es zu sein. Es war sehr frustrierend, feststellen zu müssen, daß sich meine Vorstellungen und Wünsche nicht wie von mir erwartet umsetzen ließen. Nach zwei gefüllten Zeichenheften ließ ich für einige Monate von meiner Idee ab. Hin und wieder drängte es mich zum weißen Papier. Acht Jahre vergingen und nur wenige Arbeiten entstanden in dieser Zeit.
Nach dieser Zeit und etlichen bemalten Seiten dachte ich, daß ich das Zeichnen vielleicht in einer Schule lernen könnte und schrieb mich für das Studium in einer Privatschule ein. Hier ertrug ich den Alltag genau eine Woche. Es interessierte mich überhaupt nicht, die realen Aspekte der Dinge zu reproduzieren. Ich wollte weder Raster ausmessen, noch die Dinge durch ein Gitter sehen. Die Welt, die ich sah, war voller Farben und ich sollte schwarz auf weiß zeichnen.
Ich fuhr also fort wie am Anfang, ohne jedoch meinen Weg zu finden und suchte ihn im Abenteuer des Lebens. Immer wieder trieb es mich vor einem weißen Blatt Papier. Bis Ende der 8oer Jahre, als plötzlich die Vorstellungen meiner Innenwelt zum Vorschein traten. Diesen Spiegel vor Augen bestimmte endgültig meine Beziehung zur Malerei. Ich kommunizierte mit mir selbst durch Farben und Formen. Seitdem habe ich nicht aufgehört zu malen.
Langsam veränderten sich meine Möglichkeiten. Ich fing an zu zeichnen, auf der Straße und mit Farben, ohne zu messen, ohne Proportionen, so wie das menschliche Auge die Welt wahrnimmt. Unsere eigenen Vorurteile und Deformierungen prägen und irritieren uns, so daß die Wirklichkeit, die wir sehen, nicht unbedingt mit der Erscheinung der Dinge überein-stimmt. So verschieden ein jeder die gleiche Sache sehen kann, ist die auch die Wirklichkeit immer eine andere und unsere Vision von ihr ist subjektiv begrenzt ein Ausschnitt des Lebens.
Heute sind die Proportionen, die mich am Anfang so sehr irritierten, der wichtigste Faktor meines Stils, meiner Sehweise und Art der Umsetzung in der Malerei. Die Farbe ist vielleicht der zweitwichtigste Aspekt. Obwohl ich die Malerei nicht studiert habe, setze ich Farben mit Eindrücken in Beziehung, ziemlich subjektiv sogar, wie es jeder von uns täglich unbewußt erlebt.
Was die Thematik betrifft, glaube ich, daß sich ein Leitmotiv durch mein gesamtes Werk zieht, es zeigt sich figürlich in Portraits, Akten, Architektur oder Träumen und abstrakt in den Wänden. Es sind die Spuren, die es überall und in allem gibt und die mich so faszinieren. Sie verwandeln uns in spezielle Wesen, einzigartige Objekte, fern jeglicher Erklärung. In unser Innerstes vordringen bedeutet auch das Durchschauen anderer. Ein faszinierender Prozeß. Das Selbst-erkennen in anderen. Das erklärt, was wir für die anderen sind: Ein Spiegel. Und das ist, was die Kunst immer war, was sie auch heute noch sein will: ein Spiegel.

Berlin, 2015